Von Mario Vedder
Asilah. Ein kleines, verschlafenes Städtchen am Atlantik in Marokko. Abends am Strand. Blutrot versinkt die Sonne im Meer, das sich sanft zurückzieht; die Wellen rollen aus, nehmen den Atem mit in die Nacht, machen den Weg frei für schönste Träumereien in marokkanischen Farben und Düften. Eine Reiterin sprintet entlang der Wasserlinie, ein weiteres Pferd im Gegenlicht, geführt von einem Mann; die Reiterin lächelt mit dem Abendlicht um die Wette.

Die Sonne wirft letzte strahlende Anker wie Spotlights. Möwen kreischen, der Sand perlt durch meine Hände, während ich zu träumen beginne und den Abend genieße. Soweit der zugegeben etwas kitschige Blick auf die Gegenwart in Asilah, zumindest in etwa, aber was wäre, wenn genau hier ungefähr genauso eine großartige Idee entstanden wäre, wenn genau hier zwei Visionäre spazieren gingen, im Abendlicht, die Wellen im Blick, ihr Rauschen in den Ohren und im Herzen eine gemeinsame Idee.
Asilah, Marokko, Kunst – ein Vision wird wahr
Was wäre, wenn sich die Zwei genau hier austauschten und nach Lösungen suchten, die die Menschen weiterbringen, die Elend beenden und Aufschwung bringen könnten? Und was wäre, wenn diese Vision etwas mit Kunst zu tun hätte? Gut wäre das, sehr gut sogar für das kleine Städtchen Asilah.

So oder so ähnlich war es nämlich in den Siebzigerjahren, als ein Politiker und ein Künstler hier am Strand ihrer Heimatstadt Asilah aufeinandertrafen und redeten. Es ist nur mündlich überliefert, damals vor fast 50 Jahren gab es noch keine Handys, keine omnipräsente Presse oder sonstige kritische Masse, aber es gab diese zwei Männer mit einem Anspruch, einer Idee, einer Vision. Sie wollten etwas für den Ort ihrer Geburt tun.

Die Visionäre von Asilah: Mohammed Melehi und Mohammed Benaissa
Die Visionäre waren der Künstler Mohammed Melehi und der Schriftsteller und Politiker Mohammed Benaissa. Der Schriftsteller Benaissa wurde 1937 in Asilah geboren und arbeitete auch als Journalist und Politiker, wurde später Botschafter Marokkos in den USA und marokkanischer Außenminister. Sein Herz aber blieb immer mit Asilah verwurzelt, ebenso wie sein Hang, an die Kraft von kulturellem Austausch durch Kunst zu glauben.

Zusammen mit dem Künstler Melehi gründete Benaissa 1978 das Internationale Kulturfestival von Asilah. Benaissa, damals Bürgermeister seiner Heimatstadt, ließ die Medina renovieren und versuchte, die lokale Gemeinschaft durch Kunst und Kultur zu beleben. Kunst war für ihn Transformation, eine Vision, die er mit Melehi teilte. Auch dieser glaubte an die Kraft der Kunst, sah in Kunst einen Motor für soziale Entwicklung, einen Brückenschlag zwischen Arm und Reich, zwischen Geschlechtern, Glauben, Bildung.

Binnendifferenzierung schaffte Chancengleichheit, die Vision war alles andere als elitär, Kunst gehörte in den öffentlichen Raum, für alle zugänglich. Das war ideal und visionär, das war die Philosophie der Casablanca-Kunstschule, ein tiefer Glaube an Kunst als transformative Kraft zwischen sozialem und wirtschaftlichem Leben. Kunst sollte nicht in exklusiven Galerien oder im Geheimen existieren, sie musste in den öffentlichen Raum.

Die Medina von Asilah wurde so zu einem offenen Museum, mit Wandmalereien und Kunstwerken, die jeder ansehen, erleben, fühlen und verarbeiten konnte. Es ging um Gemeinschaft, um Dialog, aber auch um Aufstieg für alle, um Bildung, Auswege aus der Armut; da steckte Verantwortung drin, kreative Freiheit und vor allem auch Respekt und Wertschätzung für die Menschen vor Ort und ihr kulturelles Erbe. Toleranz und ein fester Glaube an das Gute in der Entwicklung halfen, etwas Großes zu schaffen.
Vom Niedergang zum Aufschwung: Asilahs Weg zur Kunststadt Marokkos
Dabei war der Anfang alles andere als einfach. Die Bewohner Asilahs waren skeptisch. Vielleicht entstand die Vision der beiden Männer auch erst aus der Trauer, aus dem verzweifelten Blick auf schleichenden Niedergang. Denn ihrer Heimatstadt ging es nach der Unabhängigkeit Marokkos ziemlich schlecht. Asilah war damals heruntergekommen, die Menschen arm, bettelarm, die Stadt bröckelte vor sich hin, ebenso die Menschen.

Es gab zwar einen Hafen, aber Tanger mit seiner riesigen Überseeverbindung war übermächtig, zu viel Konkurrenz. Auch aus Casablanca. Irgendwann einmal im Mittelalter, da war Asilah groß, wurde gebraucht, blühte als wichtiger Handelsposten der Phönizier auf, aber die Zeiten waren spätestens nach der Unabhängigkeit vorbei. Heute sieht das ganz anders aus. Das Elend ist vorbei, Geschichte, Asilah ist gewachsen, quasi auferstanden und das dank einer Vision.

Ich hatte von dem kleinen Städtchen gelesen, anders sei es, ruhiger, ein Ort zum Genießen. Einer Empfehlung folgend, fuhr ich hierher; es lag auf dem Weg nach Süden, ein paar intensive Tage in Marokkos Hauptstadt Rabat standen an, da konnte ein kurzes Erkunden von Visionen nicht schaden.
Ich bin hier heute Morgen angekommen, gemütlich mit dem Motorrad, frühe Ankunft, entspannter Spaziergang. Meine Gastgeber im Riad Casa Bahia empfangen mich herzlich, Parken vor der Tür, Tee und Entspannen im kleinen Garten, das Zimmer ist eine marokkanisch-spanisch-portugiesische Melange. Zur Medina sind es von hier nur 15 Minuten zu Fuß.

Die Medina von Asilah: Ein offenes Museum in Weiß und Blau
Die Altstadt ist anders als in Marrakesch, sie ist in hellem Weiß und Blau gehalten, fast schon wie in der blauen Stadt Chefchaouen. Und es ist alles so entspannt hier, herumschlendern, schauen, das Meeresrauschen hören und staunen, über Kunst, allgegenwärtige Kunst. Asilah ist ein Museum, eine begehbare Galerie, ein Fest für die Sinne. Und das hat die Stadt eben diesen zwei Männern zu verdanken: Mohammed Melehi und Mohammed Benaissa.
Überreife Orangen in den Bäumen, Katzen lungern herum. Es scheint eine Fußballfreundschaft zwischen Mainz und Tanger zu geben, zumindest parkt hier ein alter Sprinter, bemalt mit Symbolen der beiden Vereine. Tanjine, Fischbratereien, Cafés, die Restaurants reihen sich aneinander, es ist nicht viel los, totale Nebensaison und ich bin immer noch außerhalb der Medina, der Altstadt.

Die betrete ich durch das rote Tor, das Bab Homar, und sofort nimmt mich eine Katze in Empfang. Sie schaut mich träge an, lässt nicht von mir ab, fixiert mich und will doch nichts von mir wissen, als sie unter einem Tisch mit Tellern, Kerzenständern, Armbändern und kleinen Stickereien verschwindet. Ihr Blick folgt mir und ich lasse mich treiben. Ein paar Jungs spielen Fußball auf dem zentralen Platz der Medina, dem Place Ibn Khaldoun. Teppiche hängen an den Wänden, Kleider, Kaftane. So weit, so marokkanisch.

Kunst im öffentlichen Raum: Die Philosophie der Casablanca-Kunstschule
Doch etwas ist anders als sonst in den Medinas wie in Fès oder sonstwo. Niemand quatscht mich an, und nirgendwo stört irgendwas das Bild. Ich bin oft bereit, hinzunehmen und zu vergeben. Ich nehme es hin, dass mich auf den Märkten andauernd irgendwer anquatscht, mir irgendwas verkaufen will, das gehört zum Geschäft, das ist okay, ich nehme es hin, wenn in den Seitengassen die Pinkelflaschen der Bettler stehen, wenn Kinder Gras verkaufen, wenn Müllberge die Strände, die Parkplätze erobern. Ich vergebe und verzeihe und genieße es auch, wenn scheinbar Chaos den Verkehr beherrscht und doch am Ende des Tages alle gewinnen. Aber hier ist nichts davon. Es ist ruhig und freundlich, fast schon zu ruhig.

Ich schlendere durch die Gassen und erst recht spät nehme ich den Unterschied wahr, suche ihn dann schon, will mehr. Ich weiß nicht, ob es wirklich die Kunst ist, die hier den Unterschied macht, aber es ist sicherlich die Vision, die hier immer noch lebt und so eine andere Wahrnehmung des Lebens schafft.

Kunst verbindet, schafft Brücken im Alltag und bringt Farbe in den Trübsal der alltäglichen Mühen. Asilah ist eine wunderschöne, kleine Stadt mit einer Medina in Weiß und Blau, was zumindest ursprünglich mal so war, denn viele der weißen Flächen sind inzwischen bunt, bemalt, mit Kunst veredelt. Ich sehe bunte Wellen, die eine Erdkugel umspülen, Esel, Katzen, tanzende Frauen und Mosaike. Riesige Flächen mit Händen, kreisförmigen Mustern, Vögeln und Quadern.

Das hier ist hohe Kunst im öffentlichen Raum, ein Dialog durch Kunst, und das ist eine gelebte Vision. Das hier ist auch die Casablanca-Kunstschule, einer Bewegung aus den 1960er Jahren. Die Bewegung setzte sich für eine Mischung aus Moderne und Tradition ein, marokkanische Wurzeln waren immer präsent. Künstler dieser Bewegung wollten ihre Arbeit öffentlich teilen, für sie musste Kunst Teil der Gesellschaft, mit ihr verbunden sein. Diese Verbindung sehe ich in Asilah, sie ist vor mir, an den Mauern der Medina. Und wie wunderbar ist das, diese Vision, die sich tatsächlich jährlich in einem großen Kulturfestival zeigt, dem „Festival Culturel International d‘Asilah“ (oder „Moussem Culturel d‘Asilah“).

Seit 1978 findet das Fest jedes Jahr im Sommer statt; internationale Künstler bemalen die Wände der Stadt, es gibt Musik, Tanz, Lesungen; Jazz- und Weltmusiker der internationalen Spitzenklasse waren hier. Dabei war der Anfang schwer; Kunst und Alltag sind nun einmal Dinge, die schwer zusammengehen, erst recht, wenn Alltag Kampf ums alltägliche Leben bedeutet.
Historische Mauern und ewige Wellen: Asilahs Vermächtnis
Die Medina ist nicht sonderlich groß, ich bummle entlang der Stadtmauer, finde einen Ausgang, sehe direkt auf die Wellen. Der Atlantik tost, trifft hier auf braune Felsen, mein Blick geht hinaus aufs Meer, entlang der Medina. Direkt unter mir liegt das Mausoleum von Sidi Ahmad al Mansour. Der Sultan befreite Asilah einst von den Spaniern, 1589 wurde die Stadt nach langer Besatzung durch Portugiesen und Spanier wieder marokkanisch; auch Piraten machten danach den wichtigen Hafen für sich zum Stützpunkt. Ich schaue wieder auf den Atlantik, Wellen donnern auf Felsen, ihr tosender Gesang liefert auch den Takt für Gedanken, Ideen um Kunst und Leben.

Es ist ja nur ein kleiner, außerhalb des Kunstgeschehens eher unbedeutender Ort hier in Marokko, dieses Asilah, auf die weite Welt bezogen, wohl eher kaum von Bedeutung. Und doch könnte man auch für uns alle auf dieser Erde so viel mehr lernen von diesem Ort. Wir könnten mitnehmen, dass Kunst immer bereichert, dass Farbe Glück bringt, dass Pinsel Ideen zeichnen können, Porträts oder Landschaften, dass Kunst immer etwas transportiert, immer auch eine Einladung zum Dialog ist. Hier ist es aber noch mehr, hier geht es darum, Verbindungen zu schaffen, eine Plattform, eine Vision oder Idee, die Mehrwert schafft und dadurch das Miteinander verbessert.

Asilah war vor der Kunst ziemlich im Argen, die Menschen arm und die Zukunft düster. Die Kunst hat Farbe gebracht, der Kunstbetrieb eine wirtschaftliche Perspektive, die den Tourismus ankurbelte. Man muss Visionen eine Chance geben, und das haben Melehi und Benaissa getan. Sehr zum Wohl dieser wundervollen Stadt und sehr zum Erstaunen meiner selbst. Ich bin tatsächlich überrascht, wie schnell das geht hier, mit dem Kopf, der Kunst, dem Leben. Gedanken fliegen, Gegenwart und Vergangenheit fließen dahin. Ich speise im Casa Oceano Pepe. Gebratener Fisch, kühles Casablanca Bier, Blick aufs Meer und Gedanken über Visionen. Dialog funktioniert, Vision gelungen. Asilah hat meine Batterien wieder aufgeladen.

Reiseinformationen für Asilah, Marokko:
- Generelle Tourismusinformationen über Marokko: www.visitmorocco.com (offizielle Website des marokkanischen Fremdenverkehrsamtes)
- Marokkanisches Zugnetz (ONCF): www.oncf.ma (Für Zugverbindungen, Fahrpläne und Ticketpreise.)
- Währung und Zahlungsmittel: Marokkanischer Dirham (MAD). Beachten Sie, dass in Asilah, besonders innerhalb der Medina, oft nur Bargeld akzeptiert wird. Geldautomaten finden Sie außerhalb der Altstadt.
- Sprache: Arabisch und Amazigh (Berberisch) sind Amtssprachen. Französisch ist weit verbreitet, in Asilah auch Spanisch.
- Beste Reisezeit: Asilah ist das ganze Jahr über angenehm. Die Monate Mai bis Oktober sind ideal, um das warme Wetter und das Internationale Kulturfestival (Juli/August) zu erleben.
- Anreise mit dem Flugzeug: Der nächstgelegene internationale Flughafen ist der Tanger Ibn Battouta Airport (TNG), etwa 40 Minuten von Asilah entfernt. Von dort aus nehmen Sie am besten ein Taxi oder einen Mietwagen.
- Anreise mit dem Zug: Asilah ist gut an das marokkanische Zugnetz (ONCF) angebunden. Hochgeschwindigkeitszüge (Al Boraq) verbinden regelmäßig Casablanca, Rabat, Tanger und Asilah (ca. 40 Min. von Tanger).
- Mit dem Auto: Asilah liegt direkt an der Autobahn A1, die Nordmarokko verbindet. Die Stadt ist rund 45 Kilometer von Tanger entfernt.
- Mit dem Bus: Busverbindungen sind mit CTM oder Supratours verfügbar, die Zugverbindung ist jedoch oft praktischer.






