Der Rote Franz und das Geheimnis der Moorleichen im Emsland

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Von Oliver Abraham

Meppen / Emsland. Nebel liegt über dem Moor; taunass ist es und totenstill. Gehen auf Sicht, ein paar Schritte weit nur, und der Boden schwankt, scheint an den Stiefeln zu saugen. Fester Grund ist das hier längst nicht mehr, und aufgehoben sind die Grenzen zwischen Land und Wasser. Man spürt das Bodenlose und ahnt die Gefahr, darin zu versinken. Auch das Auge findet keinen Halt. Es geht nicht weiter, hier nicht und auch nicht anderswo; zurück also auf dem einen Weg, auf dem es geht.

Tau an einem Spinnennetz im Wietmarscher Moor. Foto: Oliver Abraham
Tau an einem Spinnennetz im Wietmarscher Moor. Foto: Oliver Abraham

Welch ein unheimlicher Ort. Menschen sind spurlos verschwunden. Verloren gegangen. Weil sie im Moor hingerichtet wurden oder den Göttern geopfert. Weil sie extra hier bestattet worden sind, weil die Gesellschaft sie mit Tabu belegte. Man weiß das, weil sie tausend und tausend Jahre später wiedergefunden wurden. Und manche ihrer düsteren Geheimnisse verrieten.

Moorleiche Roter Franz im Landesmuseum in Hannover, Deutschlands wohl berühmteste Moorleiche. Foto: Landesmuseum Hannover
Der Rote Franz im Landesmuseum in Hannover, Deutschlands wohl berühmteste Moorleiche. Foto: Landesmuseum Hannover

Die Entdeckung: Wie die Moorleiche Roter Franz ins Licht kam

Moorleichen findet man nur zufällig: Als Torfstecher Herbers im Sommer des Jahres 1900 zur Arbeit ging, wusste niemand, dass er bald die heute berühmteste Moorleiche Niedersachsens zutage förderte. Bernhard Herbers ging von seinem Zuhause in Neu Versen nahe Meppen / Emsland wie üblich das kurze Stück ins Moor. Heute führt ein Weg durch die Bruchwälder, die nassen am Rand des Moores; man blickt dann auf das Wasser des Südlichen Versener Moores, auf saftiges Grün, das man tunlichst nicht betreten sollte. Was Herbers und die Kollegen seiner Zeit in den Mooren abbauten, war der alte, reine Torf, getrocknet wurde der als Brenn- und Heizmaterial verwendet.

Nebel über den Wasserflächen im Wietmarscher Moor. Foto: Oliver Abraham
Wasserflächen im Wietmarscher Moor. Foto: Oliver Abraham

Als Bernard Herbers (nach anderen Quellen: Bernard) mit seinem Spaten auf ein Hindernis stieß, dachte er zunächst an die üblichen Wurzeln oder Stöcke; er stieß fester zu, grub schließlich von Hand nach und buddelte bald Knochen aus; so viele davon, dass ihm rasch klar wurde, was er da freilegte – es waren menschliche Überreste; eine Leiche. Dem Kirchenbuch der Gemeinde Wesuwe zufolge wurde die Moorleiche, recht gut erhalten soll sie gewesen sein, vier Tage später im Dorf bestattet. In einem Sarg zwar, aber außerhalb des Friedhofs und damit in ungeweihtem Boden; schließlich wusste niemand, mit wem oder was man es da zu tun hatte. Denn Kleidung fand man nicht.

Der „Rote Franz“: Eine Moorleiche zieht um

Die Kunde von der Moorleiche machte natürlich die Runde, und fünf Monate nach seiner zweiten Bestattung traf der „Mann von Neu-Versen“ im Hannoveraner Provinzial-Museum ein. Dass solche Moorleichen für die Altertumsforschung von hohem Wert sind, wusste man schon damals. Ein Besuchermagnet wurde sie; sicher auch, weil die Leiche recht vollständig ist, sie eine seltsame Frisur trägt, der rötlichen Haare wegen – Moorwasser färbt auf Dauer. Der „Mann von Neu-Versen“ wurde deshalb bald „Roter Franz“ genannt. Unter beiden Namen ist er bekannt und liegt heute im Niedersächsischen Landesmuseum zu Hannover. Die Moormumie kann man dort sehen, ebenso eine moderne Rekonstruktion seines Gesichts.

Im Grossen Moor nahe Vechta. Foto: Oliver Abraham
Im Grossen Moor nahe Vechta. Foto: Oliver Abraham

Wer war der „Rote Franz“? Ein Profil aus der Eisenzeit

Einiges ist über den „Roten Franz“ bekannt: er war ein zirka 25- bis 30-jähriger Mann (auch am Bartwuchs ließ sich das Geschlecht feststellen), er war mehr als einen Meter achtzig groß (sehr groß für die damalige Zeit, heute misst er geschrumpft gute 1,40 Meter), gut genährt und offenbar gesund (Spuren von gravierenden Krankheiten fanden sich nicht); er muss viel geritten sein (erkennt man an den Oberschenkelknochen) und wurde lange vor seinem Tod in einem Kampf verletzt (zeigen Speer- bzw. Pfeiltreffer). Allerdings fehlen ihm die Ohren – womit man im Bereich der Spekulation ist: Wurden sie ihm abgeschnitten, wegen einer kultischen Handlung vielleicht? Dass Tiere daran gefressen haben, bevor der „Rote Franz“ endgültig im Moor versank, ist allerdings eher wahrscheinlich.

Eine Gesichtsrekonstruktion von Richard Neave zeigt, wie Deutschlands wohl berühmteste Moorleiche, „der Rote Franz“ einmal ausgesehen haben könnte. Foto: Landesmuseum Hannover
Eine Gesichtsrekonstruktion von Richard Neave zeigt, wie Deutschlands wohl berühmteste Moorleiche, „der Rote Franz“ einmal ausgesehen haben könnte. Foto: Landesmuseum Hannover

Auffällig sind Frisur und Haare: rotbraun sind sie heute durch das Moorwasser, blond oder rothaarig könnte er einst gewesen sein. Auf seinem Kopf trug er das Haar rund zwanzig Zentimeter lang und mutmaßlich zum Mittelscheitel gekämmt; an Stirn und Schläfe waren sie kürzer, an den Seiten und im Nacken geschoren, den Bart hatte er ebenfalls gepflegt. Trug man das so, damals in der Eisenzeit? Der „Rote Franz“ starb im oder um das dritte Jahrhundert nach der Zeitenwende.

Das Rätsel seines Todes: Mord, Opfer oder Unfall?

Warum aber starb der „Rote Franz“, dieser große, gesunde und offenbar wehrhafte, kampferfahrene Mann? Wie, das weiß man: Er wurde durch einen Schnitt in den Hals getötet; das fanden Ärzte immerhin heraus. War der „Rote Franz“ ein Menschenopfer, dem die Kehle durchgeschnitten und der dann im Moor versenkt wurde? Gegen diese Theorie spricht seine Lage; er lag nicht wie schlafend arrangiert, das wäre beim Ritualmord üblich gewesen, sondern mit dem Gesicht nach oben und weniger sorgfältig niedergelegt. Oder wurde der „Rote Franz“ Opfer eines Raubmordes?

Dunkle Bäume bilden die Kulisse im Moor. Foto: Oliver Abraham
Dunkle Bäume bilden die Kulisse im Moor. Foto: Oliver Abraham

Vielleicht war er ein Reiterkrieger, er könnte also wertvolle Waffen und gute Kleidung besessen haben, ein kostbares Pferd. Der „Rote Franz“ wäre diesen Überlegungen zufolge wohl ein lohnendes Opfer für einen Überfall aus dem Hinterhalt gewesen. So wie es aussieht, wurde der „Rote Franz“ zudem eher in einem Wasserloch im Moor verscharrt, als im Rahmen einer kultischen Handlung aufwendig bestattet. Was dem „Roten Franz“ also tatsächlich hier im Moor passierte, wird das Geheimnis dieser dunklen Jahrhunderte bleiben. Und genug Stoff für Forschung und für Fantasie.

„Der ‚Rote Franz‘ ermöglicht uns auf vielfache Weise spannende Einblicke in die Vergangenheit unserer Vorfahren“, sagt Dennis von Wildenradt, Pressesprecher des Niedersächsischen Landesmuseums in Hannover; „schon die Geschichte seiner Entdeckung und der anschließende Umgang mit der Leiche verraten viel über die Menschen in jener Zeit.“ Auch sein mysteriöser Tod werfe viele Fragen auf. „Gleichzeitig ist er eine Art Zeitreisender aus einer Kultur, in der das Verbrennen von Toten und das Beisetzen ihrer Asche zur Normalität gehörte.

Aus medizingeschichtlicher und anthropologischer Sicht ist der Fund von großer Bedeutung, da sich am mumifizierten Körper des Mannes ein Teil seiner Lebensgeschichte ablesen lässt“, so von Wildenradt. Die Moormumie gebe zudem Anlass, der Frage nachzugehen, wie sich eine angemessene und würdige Zurschaustellung Verstorbener im Museum realisieren lasse – ist es falsch, Tote in einer Ausstellung zu präsentieren? Oder wird hingegen durch die Betrachtung einer Leiche in unserem Kulturkreis ein erweitertes Bewusstsein für den Tod geschaffen und eine Auseinandersetzung mit ihm angeregt?

Das Moor als Ort des Grauens und der Verehrung

Oh, doch! Kultische Handlungen mit Menschenopfern, Ritualmorde – die betrieben sie in den Mooren des heutigen Norddeutschlands, in den Niederlanden und Dänemark, in Irland und England durchaus. Menschen wurden für den Götzendienst getötet und dem Moor übergeben, auch um die Götter wohlzustimmen, ihnen höchsten Tribut zu zollen. So wurden bei manchen Moorleichen wertvolle Beigaben wie Schmuck, Zaumzeug oder Waffen gefunden.

Und viel schlimmer noch: Es gibt Moorleichen, die Spuren einer Übertötung tragen, die auf grauenhafte Weise umgebracht wurden, wie zum Beispiel in Irland der „Old-Croghan-Mann“ oder der „Clonycavan-Mann“. Menschenopfer für die Götter wurden im Moor dargebracht und dort vom Diesseits ins Jenseits transferiert. Aber das Moor war auch Hinrichtungsstätte und Ort des Verschwindenlassens für bestimmte Verbrecher, für diejenigen, die man damals für die Verachtenswertesten hielt. Was für eine Angst, was für ein Grauen und Entsetzen, auch für die, die dabei zusehen mussten oder denen davon erzählt wurde.

Nebel über den Wasserflächen im Wietmarscher Moor. Foto: Oliver Abraham
Nebel über den Wasserflächen im Wietmarscher Moor. Foto: Oliver Abraham

Der Weg führt in das Provinzialmoor. Zwischen den Bäumen und dem Bodenlosen steht eine (nachgebaute) Kate. So ähnlich haben die paar Leute hier einst gewohnt am Rand des Moores, in dieser großen, schweigenden Weite. Bevor das Moor zum Abbau des Torfes entwässert wurde, wölbte es sich meterhoch über die Gegend, es war eine ertrunkene Landschaft. Das Moor strömt eine beklemmende Kühle aus. Es ist so faszinierend wie es verhängnisvoll sein kann. Nicht nur, wenn der Nebel alles verschluckt und man die Möglichkeit des Verschwindens förmlich fühlt.

Das Moor wurde gemieden, es wurde aber immer wieder aufgesucht – eben für rituelle Handlungen oder Bestattungen. Nicht weit vom Fundort des „Roten Franz“, auf der niederländischen Seite der nahen Grenze im Bargerveen, fanden Forscher etwas, das sich zu einer Art Tempel rekonstruieren ließ (allerdings gut anderthalbtausend Jahre älter als die Moorleiche von Neu-Versen) – die Enden der Balken dieses „Tempelchens von Bargeroosterveld“ enden in einer Form, die an Kuhhörner erinnert. Ebenfalls ein Kult, denn auch Tiere wurden im Moor den Göttern geopfert.

Das Moor ist ein Grenzgebiet, und früher war es das auch in spiritueller Hinsicht – zwischen der diesseitigen Welt der Menschen und der jenseitigen Welt – die der Götter. Wohl auch deshalb fanden dort vermehrt rituelle Handlungen statt, auch solche der Menschenopfer.

Spiegelungen von Himmel und Bäumen im dunklen Wasser. Foto: Oliver Abraham
Spiegelungen von Himmel und Bäumen im dunklen Wasser. Foto: Oliver Abraham

Unfälle, Bestattungen und das „Mädchen von Yde“

Aber kann es sich bei Moorleichen – mehr als tausend von ihnen oder Teile davon sind europaweit bekannt – nicht auch um die Opfer eines profanen, dummen Unfalls handeln? Im Moor verirrt und dann im offenen Wasser ertrunken oder im meterdicken Moos erstickt, verhungert oder erfroren; man kommt allein schließlich nicht mehr raus.

Das Moor konserviert Leichen hervorragend; so auch die Spuren ihres Ablebens, wie zum Beispiel die einer Übertötung oder Folter; und deshalb gibt es auch Moorleichen, an denen man erkennt, dass sie eines natürlichen Todes gestorben sind und im Moor bestattet wurden. Nicht wie üblich bei den Menschen, sondern weit weg im Moor – vielleicht aus Angst vor einem Wiedergänger, vor einer Untoten, oder um sie aus dem Gedächtnis zu löschen.

Moorlandschaft in der niederländischen Provinz Drenthe. Foto: Mario Vedder
Moorlandschaft in der niederländischen Provinz Drenthe. Foto: Mario Vedder

Und was geschah mit diesem Mädchen? Nicht weit vom Fundort des „Roten Franz“ wurde, auch um die vorvergangene Jahrhundertwende, auf niederländischer Seite eine weitere Moorleiche gefunden. Und diese beiden sind nicht die Einzigen, die im Bourtanger Moor versenkt wurden; das „Mädchen von Yde“ wurde ebenfalls beim Torfstechen entdeckt. Wie auch beim Auftauchen des „Roten Franz“ sollen die Torfstecher entsetzt gewesen sein: Einerseits sind Moorleichen in der Regel gut erhalten, ihr menschliches Aussehen ist gut zu erkennen, andererseits ist das Antlitz ins Grauenhafte verkehrt – die Haut dunkel und ledrig, hohle Augen und im Gesicht oft ein gruseliges Grinsen, weil die geschrumpfte Haut die Zähne freilegt. Das Moor ist Ort von Schauermärchen nicht ohne Grund.

Haare und Frisur sind bei dem „Mädchen von Yde“ ebenfalls gut erhalten. Kommt hinzu: Sie trägt eine Schlinge um den Hals und sie wurde erdrosselt. Das „Mädchen von Yde“ war etwa 16 Jahre alt, als sie starb. Warum? Auch darüber gibt es keine abschließende Antwort; als sicher gilt, dass sie gewaltsam getötet wurde; neben der Schlinge hat sie einen Stich in den Hals bekommen. War sie Opfer? Wurde sie bestraft? Sollte sie aus der Gemeinschaft verschwinden? Mussten Götter gnädig gestimmt werden? Was auch immer – es geschah in einem Zeitraum um die Zeitenwende.

Nebel über den Wasserflächen im Wietmarscher Moor. Foto: Oliver Abraham
Nebel über den Wasserflächen im Wietmarscher Moor. Foto: Oliver Abraham

Das Bourtanger Moor: Von der riesigen Landschaft zur Wiederbelebung

Die heute noch existierenden Moore im Grenzgebiet von Niedersachsen und den Niederlanden, wie zum Beispiel das Versener Moor (in Deutschland), wo man den „Roten Franz“ fand, oder das Bargerveen (in den Niederlanden), wo einst der kleine Tempel stand und das Mädchen gefunden wurde, sind Überreste einer einst riesigen Moorlandschaft, der des Bourtanger Moores – einst das größte in Mitteleuropa –, das im Laufe der modernen Zeit dem Torfabbau und der Landwirtschaft selbst zum Opfer fiel. Inzwischen wird viel für eine Wiederbelebung dieses Naturraums getan.

Solche Gebiete – schier unendlich weit bis zum Horizont waren sie und voller Gefahr für das (diesseitige) Leben – wurden gemieden; was wollte, sollte man dort schon, außer vielleicht Beeren sammeln oder ein paar Wasservögel jagen? Moore waren unheimlich, waren Orte, die gewiss Angst machten, waren Sitz der Götter, und was für Legenden ranken sich noch heute darum. Man ging nicht ohne triftigen Grund in ein Moor, man blieb dieser Anderswelt tunlichst fern. Und was der „Rote Franz“ dort im Moor letztlich zu suchen hatte, könnte nur er selbst berichten.

Moorland in der Provinz Drenthe. Foto: Mario Vedder
Moorland in der Provinz Drenthe. Foto: Mario Vedder

Vom Provinzialmoor zur Fundstelle des „Roten Franz“ führen die Pfade vorbei an nassen Wäldchen, in denen Birken stehen wie eine Armee Gespenster mit bleichen Stämmen. Zwischen Bruchwald und Moor steht in der Wesuweer Schloot offenes, dunkles Wasser, in dem sich Himmel und Bäume spiegeln wie bizarre Zerrbilder. Es wirkt, als ob man wie durch dunkles Glas in eine Anderswelt blickt. Die Realität scheint verloren gegangen zu sein, ebenso wie das Feste und Verbindliche. Schwankend nicht nur der Boden, sondern auch der Geist. Ein unsicherer Zwischenraum. So faszinierend wie verhängnisvoll – im Banne des Unheimlichen. Und es ist eben nicht nur Fantasie allein.

Informationen zum Emsland und den Moorleichen:

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