Von Oliver Abraham

Gersfeld, Rhön. Eine Wanderung im Schnee.

„Es kracht, es knirscht, es knistert. Und manchmal klingt es wie Styropor.“

Man sagt, Temperatur könne am Geräusch von Schnee erkannt werden. Heißt, erhört werden. Dann, wenn man hineintritt. Ist es richtig kalt und der Schnee frisch gefallen, dann knirscht er satt und schön.

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Zauberhafte Winterlandschaft in der Rhšön. Foto: Oliver Abraham

Auch seine Geschichte – liegt er schon länger, ist er bereits abgetaut und wieder überfroren, oder auf der Schneewechte vom Wind verdichtet – lässt sich erspüren, erhören. Schnee ist vielfältig. Und dies ist ein Winter für alle Sinne.

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Ein kurzer Zauber im Licht, Winter in der Rhön. Foto: Mario Vedder

Hier und heute unterhalb der Wasserkuppe in Ost-Hessen schmatzen die Schritte noch im Schnee. Aber je höher es geht, desto kälter wird es. Und der Schnee, der wird bald anders klingen. Noch liegt alles im Nebel, die Schneedecke dampft eiskalten Dunst in den kahlen Wald. Schwarze Stämme vor klarem Weiß, die Szene wirkt gespenstisch und ist, Fels liegt herum, eine Reduktion auf das Rohe. Ein Schwarz-Weiß-Bild. Denn noch fehlt Farbe völlig an diesem trüben Tag.

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Schwarze Stämme vor klarem Weiß, Winter in der Rhön. Foto: Mario Vedder

Die Wetterlage ist unklar und wechselhaft, aber mit achthundert, neunhundert Höhenmetern sind die höchsten Kuppen der Rhön eben oft nicht nur allein ein Versprechen auf den Winter. Fichtennadeln und Buchenlaub sehen bald aus wie überzuckert und die Schritte, die klirren jetzt. Der tags zuvor angetaute Schnee fiel von den Ästen und liegt nun, über Nacht gefroren, am Boden wie Scherben. Der Winter kommt mit jedem Schritt näher. Auch der dicke, eisige Dunst wirkt inzwischen luftiger und leichter mit Höhenmeter um Höhenmeter.

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Der Winter kommt mit jedem Schritt näher, Rhön, im Winter. Foto: Mario Vedder

Das düstere Krächzen der Raben wabert durch den Nebel und kurz sieht man einen großen schwarzen Vogel vorbeifliegen, flatterhaft; gespenstisch wirkt das und er scheint den einsamen Wanderer zu verfolgen.

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Spuren im Schnee. Foto: Oliver Abraham

Im frisch gefallenen Schnee sind Spuren zu erkennen – solche von Menschen, ganz allein und verloren ist man also nicht, und mehr noch solche der wilden Tiere. Eben schnürte ein Fuchs über die Wiese. Wohin Reh, Wildschwein, alle anderen unterwegs sind, wissen nur sie selbst. Dass der Wanderer auf den genehmigten Wegen bleibt (und solche Spuren nicht etwa querfeldein verfolgt), versteht sich von selbst. Die Natur dient auch zur stillen Erholung des Menschen, man darf das Wild aber nicht stören. Es nicht aufscheuchen, die Tiere müssen Energie sparen (und viele Weibchen sind bereits tragend). Denn wie anstrengend das Laufen im Schnee ist, wird man bald selbst erfahren.

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Die seltenen Strahlen der Sonne suchen ihr Ziel in der Rhöšn. Foto: Mario Vedder

Wo der Wald weicht, jault ein eisiger Wind. Schwarz-blaue Wolken jagen über den Himmel, der immer mehr aufreißt. Die Böen stöbern Schnee über die Flächen in wilden, weißen Wirbeln.

Unterhalb der Wasserkuppe sind auf den Flächen und am Wegesrand immer wieder Stellen zu sehen, in denen trotz (inzwischen dauerhaften) Minusgraden blankes Wasser steht. Das sind Quellen, und ihr Wasser ist immer wärmer als der Frost. Bald plätschert es aus einer Fassung, der Grumbachborn, vor ein paar hundert Jahren stand hier eine winzige Siedlung, bis die Hand voll Leute Heim und Hof aufgaben und fortzogen aus der rauen Höhe. Verloren in Raum und Zeit. Und in den Nebelschwaden wirkt es nun fast beklemmend einsam, zudem der große, schwarze Vogel beharrlich krächzt. Nur sehen tut man ihn nicht mehr. Beinahe meint man, seine Anwesenheit zu spüren.

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Lichterspiel im Wechsel, Winter in der Rhön. Foto: Mario Vedder

Der Nebel hat sich verzogen und der Himmel macht auf. Oberhalb der Fulda-Quelle reicht der Blick weit nach Südwesten. Typisch für dieses einzigartige Mittelgebirge sind seine offenen, teils unbewaldeten Kuppen und Hänge – „Land der offenen Fernen“ wird die Rhön auch genannt. Es hat etwas zutiefst Beruhigendes, oben zu sitzen und den Blick schweifen zu lassen. Gerade nach einer mitunter zehrenden Winterwanderung durch Nebel, Schnee und Spuk. Das orangefarbene Licht, das sich unter den Wolken über den Schnee und die Berge ergießt, schafft eine berührende Schönheit. Flutend und vollkommen klar.

„Stilles Staunen und was für eine Freude.“

Es hat aufgeklart, weniger windig ist es nicht geworden. Noch schützt der Grat der Wasserkuppe, mit 950 Meter höchster Berg in Hessen, vor den Elementen. Obendrauf steht eine sonderbare Kuppel, eine alte Radaranlage, sie ist unverkennbares Merkmal dieses Berges und wirkt immer etwas sonderbar. Kinder rodeln unter Aufsicht ihrer Eltern, zuvor tourten Ski-Langläufer vorüber, am Fuß der Wasserkuppe Richtung Gersfeld runter ist emsiger Betrieb am Skilift. Zu Fuß unterwegs sein ist auch klasse. Am Westhang der Wasserkuppe jagt der Wind mit aller Gewalt vorbei. Hier ist der Schnee fast fortgeweht und zu einer eisglatten Fläche verdichtet, dort liegt er in hüfttiefen Verwehungen. Manchmal ist der Schnee durch den Wind so verdichtet und verhärtet, dass er trägt. Wenn nicht: ein kurzes Geräusch wie von Styropor, das man reibt.

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Radom und Wegweiser im Schnee. Foto: Oliver Abraham

Wegweiser für den Wanderer stehen auf leerer Flur; kein Baum, kein Strauch, nur Schnee, nur Himmel, bewachsen sind die Schilder von bizarren Eis-Schnee-Skulpturen. Wer diese Gegend vom Sommer kennt, wird überrascht sein. Ein paar Spuren enden im Nirgendwo; vor windverbogenen Bäumen mit Schneekappe, vor Schneewechten, vor endlos wirkenden leeren Flächen. Man möge sich vor seinen Touren informieren, welche Wege begangen werden können. Vorher erkundigen, wohin man gehen darf. Nicht weit von der Wasserkuppe entfernt liegen die Berge Milseburg und Maulkuppe.

Nadelbäume sehen aus wie Kunstwerke. Auf jeder Nadel liegen Schneeflocken, in der Gesamtheit ein prachtvolles Bild, ein Gemälde. Die charakteristische Kuppe des alten Keltenbergs Milseburg ist eingerahmt von weißem Winterwald.

Von den Flächen führen auch hier Tierspuren heran und verlieren sich jenseits des Weges. Verlieren tut sich auch der Blick über die Kuppen, unter dem Himmel – in offenen Fernen. Weitläufig und was für ein Gefühl von Freiheit. Skulpturen, vom Menschen geschaffene Kunstwerke, säumen den Weg, beispielsweise zum Fuldaer Haus, einem gutem Restaurant (es gibt Zimmer und FeWo) nahe dem Ort Poppenhausen.

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Zauberhafte Winterlandschaft in der Rhšön. Foto: Oliver Abraham

Die Sonne steht tief und wieder flutet das warme Licht über die Kuppen, Wolken flammen auf und der Schnee leuchtet sanft. In den flockenbestäubten Birken funkelt und glitzert es. Bald treibt der Wind neue, bleigraue und bleischwer wirkende Wolken heran, nun jault und tobt es wieder. Wirbelnde Winde schon, weiße Flocken bald.

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Spuren im Schnee, sie sind immer im Winter an der Wasserkuppe zu finden, im Hintergrund: das Radom. Foto: Oliver Abraham

Wie einladend fließt das Licht aus den Fenstern dieses gastlichen Hauses, wie wohltuend und wärmend die verdiente Einkehr ins Fuldaer Haus. Zum Beispiel auf ein geschmortes Kalbsbäckchen mit Graupenrisotto. So köstlich. Und authentisch wie die Rhön selbst, hier und anderswo, draußen und drinnen. So ist der Winter hier. Mit allen Sinnen zu erleben und zu genießen.

Information:

  • biosphaerenreservat-rhoen.de
  • wasserkuppe.net
  • gersfeld.de
    Beispiele für eine empfehlenswerte Einkehr und Übernachtung:
  • Fuldaer Haus, Poppenhausen: fuldaer-haus.de
  • Brennerei-Gasthaus Dickas, Bischofsheim; hier gibt es zum Beispiel Rehragout in Holunderlikör-Haselnuss-Sauce mit handgeschabten Spätzle rhoener-schaubrennerei.de
  • krenzers rhön, Seiferts; Hotel und auch Schäferwagen, hier gibt es zum Beispiel den „Rhönlamm-Tiegel“, das Fleisch wurde vor der Zubereitung in Apfelwein und Honig eingelegt, dazu Eiernudeln (Küche derzeit nur für Hotelgäste) rhoenerlebnis.de

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