Von Oliver Abraham

Sylt. Wasser und Himmel in eiskaltem Blau, über einen Pfad aus tiefem Sand geht es durch die Dünen ans Wattenmeer. Einsam und in winterlicher Ruhe liegt der Süden von Sylt, Schritte knirschen im Reif.

Hat es geschneit, wird der bei Ebbe aufs Watt gefallene Schnee von der Flut zusammengeschoben – das sieht aus wie Eisschollen. Vor der Ostküste der Insel liegt ein weiter, offener Raum – das geheimnisvolle Watt.

Wattwanderung aus Sylt- ein geheimnisvoller Wintertip
Die Natur wirkt reduziert, rein und elementar; Wasser, Luft und Licht. Ist die Nordsee fort für ein paar Stunden, taucht das Unberührte auf, das frisch den Fluten Entstiegene. Foto: Oliver Abraham

Wir hören Vögel und riechen das kühle, frische Meer. Wir sehen Sandbänke, wie sie beim ablaufendem Wasser aus der See auftauchen und erkennen in der Ferne Muschelkutter auf der Horizontlinie. Spüren den Wind, wie er manchmal auffrischt. Vogelschwärme fliegen auf, folgen dem ablaufenden Wasser, auf dem Weg ins Watt auch sie. Verbliebene Wasserflächen zittern im Wind wie elektrisiert.

Nationalpark-Wattführer Jan Krüger hat seine Leute am Strand nördlich von Hörnum gesammelt und erklärt die kommenden Stunden.

„Eine Wattwanderung AUF SyLT im Winter?“

Natürlich, warum nicht. Aber warum ist das Watt im Winter besonders reizvoll, warum eine Wanderung gerade jetzt? Zum Beispiel deshalb:

„Die Gäste haben jetzt viel mehr Zeit, es herrscht kein Trubel mehr. Wir sind für Stunden allein.“

Wattführer Jan Krüger kennt die Nordsee vor Sylt wie seine Westentasche
Nationalpark-Wattführer Jan Krüger erklärt die Nordsee. Foto: Oliver Abraham

Nur die Vögel sind da. Klagendes Schrie-iee-iee der Sturmmöwe, spitzes tji-tji-tji des Austernfischers, sehnsuchtsvolles buh-huhuhu der Eiderente – es sind seltsame Vogelrufe, verweht im Wind. Man meint, im Winter deutlicher zu hören, alles erscheint klarer, gewiss: die Sinne sind geschärfter.

„Das Meer liegt in sonderbarer Stille und leiser Melancholie.“

Andere Vögel fliegen auf, wie Konfetti im Wind, flatterhaft wie Schemen, verwischt, spukhaft fast, unterwegs von irgendwo nach Nirgendwo. Fernes Brandungsrauschen. Was für ein Licht, was für eine Luft, was für eine Ruhe. So weit weg.

Wattwanderung auf Sylt - Ein einzigartiges Erlebnis
Die Wanderung ist bis zu vier Stunden lang, mit viel Zeit zum Entdecken der Nordsee. Foto: Oliver Abraham

„Wir wandern nun durch das küstennahe Watt nach Norden, ungefähr bis in Höhe Parkplatz Sansibar“, erklärt Jan, „je nach Lust und Laune brauchen wir dafür bis zu vier Stunden. Die Strecke ist rund sieben Kilometer lang, unterwegs ist viel Zeit und Muße zum Entdecken.“

Und, um sich die Dinge vom Wattführer nun einmal ganz in Ruhe erklären zu lassen. Jan hat Karte und Kompass dabei, viel Erfahrung hat er sowieso. Die Teilnehmer haben sich Thermoskannen mit Tee mitgebracht.

Wattwanderung aus Sylt für Jung und Alt?

An wen richtet sich eine solche längere Wattwanderung im Winter? „An die Gäste, die schon mal eine Wattwanderung mitgemacht haben und das ganze in Ruhe nochmal vertiefen möchten. An die Genießer, die im Winter kommen und die in der Natur sein möchten, gern auch längere Spaziergänge machen“, sagt Jan. Etwas Kondition sollte man also mitbringen.

Die Natur wirkt reduziert, rein und elementar; Wasser, Luft und Licht. Ist die Nordsee fort für ein paar Stunden, taucht das Unberührte auf, das frisch den Fluten Entstiegene. Neuland für den Augenblick und wir sind nur Gast auf Zeit in einer Welt, die nicht für den Mensch geschaffen ist.

„Es ist schaurig-schön, sich darin verlieren zu lassen und loszugehen ins – nur vermeintlich – Leere.“

Pure Entdeckerlust, mit klarem Kopf zu erleben und auf einer winterlichen Wattwanderung ist endlich Platz genug darin und Frieden für alles, was da kommen mag. Im Watt liegt ein See, nicht tiefer als die Sohlen der Stiefel und in völliger Perfektion, für diesen Augenblick in absoluter Windstille und im Spiegelbild Wasser, Himmel, die paar Menschen mittendrin.

Losgelöst, unterwegs zwischen Watt und Weltraum. Man mag kaum hineintreten, doch dann verwerfen die Schritte das eigene Spiegelbild auf der Wasseroberfläche zu bizarren Zerrbildern. Sich auflösende Motive wie die eines schönen Traum.es. Wasser, Watt und Weite.

Ein tiefblauer Himmel spannt über den Meeresboden und der Nordsee. Licht flutet immer kräftiger in diesen Raum und schafft eine überirdische Klarheit. Das frühe Licht der tiefstehenden Morgensonne gibt den Mustern auf dem Meeresboden Konturen und Farbe, Sand sieht aus wie Gold, strahlt gelb und in der Farbe von Messing. Die fernen Dünen auf der Insel leuchten ebenfalls, sie sind längst weit weg, wir haben uns weit ins Watt vorgewagt.

„Je nach Wasser- und Wetterverhältnissen können wir bis zu einem Kilometer von der Küste entfernt nahe der Wasserkante nach Norden wandern“, sagt Jan. „Route und Richtung stehen natürlich fest. Was wir uns aber im Einzelnen anschauen können, welche Tiere und Pflanzen wir finden, wohin genau es da draußen geht – das sehen wir dann!“

Im Watt vor Sylt
Ab knietiefen Wasser geht es nicht mehr weiter, Vorsicht bei den Gezeitenrinnen. Foto: Oliver Abraham

Vor allem muss er auf die Priele achten, die Gezeitenrinnen, ab knietiefem Wasser führt Jan seine Gäste nicht mehr hinein beziehungsweise hindurch – zu unsicher erscheint ihm das, unangenehm würde es werden mit vollen Gummistiefeln. Das Wasser strömt mit irritierend starker Kraft der Nordsee hinterher. Gestartet wird immer bei ablaufendem Wasser, es geht der Nordsee also hinterher, und deshalb mit einem Zeitpolster. Unterwegs auf festem Sandwatt, es lässt sich gut gehen.

Das UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer

Linkerhand, also im Westen, erhebt sich die Dünenkette der Insel, im Osten und Süden liegt die Nordsee tiefblau und sie schimmert kalt. Kein Mensch ist außer uns unterwegs, nur Natur und mittendrin im UNESCO-Weltnaturerbe.

An dieser Stelle nochmals der dringende Rat: niemals allein ins Watt gehen, nur mit orts- und sachkundiger Führung. Im Osten liegt auch ein großer Gezeitenstrom, deren Ausläufer in dieses Wattwandergebiet reichen, zwischen Küste und der Rantumlohe also wandern wir, Strömungen verändern den Meeresboden permanent und haben am Rand höhere Sandbänke aufgeworfen.

Jan bleibt stehen und blickt durch das Fernglas: „Seht mal – da draußen liegen Seehunde und sonnen sich!“ Rund dreißig Tiere sind das in diesem Fall und mit genügend Abstand beobachten wir die Tiere – man möchte und darf sie nicht stören. Wasser spritzt unter den Schritten, Durchatmen, Kopf und Körper sind frisch und frei, der Abstand vom Alltag ist längst gewonnen, gerade im Winter lassen sich die Nordsee und die Natur besonders klar und mit allen Sinnen erleben.

„Intensiv. Zeit und Raum wirken inzwischen wie aufgelöst, es ist eine seltsame Schwerelosigkeit, die uns vorwärts trägt.“

Sandbänke wie unberührt, was für eine herrliche Robinsonade, sie als erster zu betreten. Entdeckerfreuden im Kuriositätenkabinett des Meeres. Die Luft ist klar und kalt , es herrscht absolute Stille. Das tut gut.

Abenddämmerung bei der Wattwanderung auf Sylt
Es ist kalt, es herrscht absolute Stille. Das tut gut. Foto: Oliver Abraham

„Nach dieser langen Wanderung sind wir voller frischer Luft und positiver Energie“, meint Jan, „wir sind gut durchgelüftet – und wir freuen uns auf unser kuscheliges Zuhause.“

Außerdem: „Es sind alle Tiere da, die wir im Sommer auch sehen. Es sind nur weniger: Einige graben sich tiefer ein, andere sind ins tiefere Wasser geflüchtet.“ Aber jetzt ist die Zeit für Muße, um in Ruhe ganz genau hinzusehen. Seit einiger Zeit sind dunkle Erhebungen zu erkennen, sie unterscheiden sich deutlich vom hellen Sand; sie wirken wie Riffe, es sind Muschelbänke. Jan führt an diese Miesmuschelbank heran und erklärt die Lebenswelt auf diesem Riff: da sind Taschenkrebse, die wie die Aliens der Meere aussehen, da sind Pantoffelschnecken, die ihr Geschlecht wechseln.

Eine Wattwanderung im Winter in der Nordsee vor Sylt
Frische Luft und positive Energie, Entdeckerfreuden im Kuriositätenkabinett des Meeres. Foto: Oliver Abraham

Die Muscheln der Nordsee bei einer Wattwanderung auf Sylt

Jan findet grüne Blätter. Wer mag, kann sie probieren: „Das ist Meersalat!“ Der schmeckt wie salzige Plastiktüte. Und dann sucht er nach Pissmuscheln. „Sandklaffmuscheln – bei Berührung ihres langen Rüssels ziehen die den blitzschnell ein und geben Wasser ab – deshalb nennt man die auch Pissmuscheln.“

Wir halten Ausschau nach Amerikanischen Schwertmuscheln, die sich mit ihrem starken Grabefuß pfeilschnell durch Wasserpfützen schießen kann und sich dann wieder eingräbt. Wir finden eine Fischkiste aus Plastik, verloren gegangen auf irgendeinem Fischkutter und hier angetrieben, halb im Sand versunken. Aber bereits besiedelt: mit einer sehr sonderbaren Lebensform darauf – einem daumengroßen Hohlkörper, der Wasser spritzt, wenn man draufdrückt. Es sieht aus wie ein dicker Wurm, fühlt sich aber viel fester an, ein Wurm, der irgendwo fest gewachsen ist. „Das ist eine Japanische Keulenseescheide“, erklärt Jan. Nachdem wir das Muschelriff und seine Bewohner betrachtet haben, führt Jan an dieser Bank vorbei.

Man kann sich täuschen, aber das Brandungsrauschen klingt inzwischen deutlicher. Der Wind kann es nicht sein, es ist wieder fast windstill. Unser Zeitfenster beginnt sich zu schließen. Die Küste mit ihren Dünen ist noch immer einen knappen Kilometer weit entfernt, die Nordsee aber beginnt bald das Labyrinth aus Lagunen und Sandbänken, Gezeitenströmen und Muschelriffs zu fluten. Es ist eine Weltverlorenheit, aber nun geht es zurück ins Diesseitige.

Wieder liegt eine flache, weite Wasserfläche unter dem Himmel, völlig still. „So Leute! Wir müssen jetzt zurück.“ Und es ist, als ob wir auf dem Weg zur Insel durch einen Spiegel treten.

Wattenmeer Nordsee
Und es ist, als ob wir auf dem Weg zur Insel durch einen Spiegel treten. Foto: Oliver Abraham

Information:

  • Nationalpark-Wattführer Jan Krüger ist einer der beiden Sylter Wattjungs. Er sowie sein Kumpel und Kompagnon Werner Mansen bieten zum Beispiel ganzjährig Wattführungen an – im Programm und auf individuellen Wunsch.
    sylt-wattwanderungen.de
  • Information zum Reiseziel Sylt und Tipps für einen Winterurlaub auf der Insel: sylt.de
    Alle Angaben ohne Gewähr. Dieser Bericht stellt keine Wertung untereinander und / oder gegenüber anderen Unternehmen, Personen, Waren oder Dienstleistungen o.Ä. dar und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.


    Diese Reise wurde unterstützt von Sylt-Marketing

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