Von Oliver Abraham
Bellinzona, Kanton Tessin, Schweiz. Es ist Herbst, ein sonniger und schöner Tag im Süden der Schweiz. Der Weg oberhalb vom Tessiner Kantonshauptort Bellinzona führt in einen … ja, was – in einen Wald? Es sieht aus wie ein verwunschener Park: mit riesigen Bäumen, die frei stehen auf duftiger Waldwiese, die Bäume sind knorrig und sie sind uralt. Mit Stämmen, die aussehen wie ein Fels und aus deren dunkelbrauner Borke zartes Grün sprießt. Diese monumentalen Bäume sind Edelkastanien, und dieser lichte Hain ist eine Selve. Diese Kombination „Kastanienselven, Tessin, Schweiz“ sind ein einzigartiges Naturerlebnis.
Was sind Kastanienselven? Kulturlandschaft mit Geschichte
Eine vom Menschen wegen der essbaren Kastanien geschaffene Kulturlandschaft, und man sagt hier, dass ein Baum genug davon trage, um einen Menschen über den Winter zu bringen. So war es früher, so war es Hundert und Hundert Jahre lang. Bis man die Esskastanien nicht mehr brauchte und nicht mehr wollte, weil es im Laufe der Zeit Kartoffeln gab und Mais. Als man damit begann, aus den Bäumen Holzkohle zu köhlern und sich dafür Getreide kaufen konnte. Und bis man das, was übrig blieb von den Kastanienselven, vielerorts aufgab und verfallen ließ.

Und beinahe hätte man sie wohl auch vergessen. Aber nicht hier bei Bellinzona. Mal ist der Weg oberhalb von Monte Carasso ein Pfad auf schierem Fels, mal ist er ausgelegt mit grauem Stein. Heute ist diese Selve wieder gepflegt, so sorgsam wie einst. Es ist eine beinahe zauberhafte Welt, in der es sich auf sonderbare Weise behütet und von Entdeckerlust getrieben schön spazieren lässt. Lichtspiele zwischen den Blättern und Bäume sind es wie Skulpturen.
Die Schönheit der Kastanienselven Tessin Schweiz lädt dazu ein, entdeckt zu werden.
Wandern zwischen 500 Jahre alten Bäumen
Wieder ein Baum, der wirkt, als ob er mehr in die Breite als in die Höhe wächst. Solche Bäume schaffen, pflegt man sie gut, locker ein halbes Jahrtausend, manche werden noch viel älter. Dann sind sie längst eine eigene Lebenswelt, ein Biotop für Vögel und Fledermäuse. So hat diese Selve nicht nur Atmosphäre, hier ist auch Leben drin. Kolumbus hatte Amerika noch nicht gesehen, als solche Bäume ihren Menschen schon Nahrung gaben. Es ist eine alte Geschichte mit neuem Leben. Und mit Selven wie diesen gibt es wieder einen Erntedank für Esskastanien. Sie werden wieder geschätzt, denn aus Kastanien hergestellte Produkte kann man heute vielfältiger genießen, viel feiner als früher.

Plock. Plock plock. Man hört es trotzdem, auch wenn sie leise fallen. Auf dem Boden liegen die Früchte, die stachelige Hülle ist aufgeplatzt und die Esskastanien darin leuchten wie lackiert. Das orange-rote Laub der Bäume in ihrem herbstlichen Ornat raschelt im sanften Wind, es ist ein Spiel von Licht und Schatten. Der Weg führt immer weiter hinein in diese Kastanienselve; wieder eine Lichtung, wieder ein Baum, den mehrere Leute gemeinsam nur umfassen können. Solche Kastanien sind Naturdenkmal ebenso wie kulturelles Erbe.
Curzutt bei Bellinzona: Wiederaufbau einer historischen Siedlung
Und mehr noch an dieser Stelle, oberhalb von Bellinzona: Mit dem Wiederaufbau und der Restaurierung der historischen Siedlung Curzutt wurde auch dieser Ort wieder lebendig, es gibt dort eine Herberge und ein Restaurant. Die weitläufigen Kastanienselven wurden entbuscht, werden gepflegt. So können die alten Kastanienbäume wieder leben, können weiterleben, denn sie brauchen viel Licht und viel Platz.

Einen traditionellen Schwerpunkt haben Edelkastanien in den südlichen Kantonen: Mitte des 18. Jahrhunderts habe es allein im Kanton Tessin vermutlich um die 12.000 Hektar Kastanienselven gegeben und man gehe davon aus, dass 400 bis 450 Hektar davon inzwischen wieder renoviert worden seien, heißt es seitens der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL. Von den im Tessin überhaupt noch existierenden 4.000 Hektar Selven gelte nur noch die Hälfte davon als wiederherstellbar. Und die Zeit läuft ab – häufig sind die Kastanienselven an einem Punkt ohne Wiederkehr angelangt: Denn ist die Verwilderung zu weit fortgeschritten, gehen die großen, alten Kastanienbäume kaputt. Arten, die darauf angewiesen und bisweilen sind es seltene, gehen auch.
Rettung der monumentalen Kastanienbäume
Zwar werden junge Bäume im Rahmen von Restaurierungsarbeiten nachgepflanzt, doch bis sie eine Struktur von lebendem und totem Holz sind – das ist wichtig beispielsweise für die Ausbildung von Baumhöhlen für Vögel und Fledermäuse –, können Jahrhunderte vergehen, heißt es seitens der Stiftung Fondazione Paessagio Mont Grand a Soazza, die sich um eine einzigartige Selve in Graubünden kümmert. Erst dann sind diese gewaltigen Kastanienbäume Heimat eines breiten Artenspektrums, jeder Baum wird dann zu einem eigenen Lebensraum. Die Selven selbst sind Jagdrevier, die Bäume Unterschlupf und Brutstätte.

Ihr auffallend schönes Landschaftsbild, ihr ökologischer Wert und ihre kulturhistorische Bedeutung haben mancherorts zu einer Wiederaufnahme der Bewirtschaftung geführt. Nicht nur im Tessin, sondern auch im Nachbarkanton Graubünden, wo rund 150 Hektar Kastanienselven allein in den südlichen Kantonsgebieten wiederbelebt worden sind. Zum Beispiel der Kastanienwald am Mont Grand bei Soazza (siehe o.g. Stiftung), gelegen südlich des St.-Bernhard-Passes: Dort stehen einige monumentale Bäume – die ältesten dieser Edelkastanien sind um die 800 Jahre alt, dies gilt als der Ort in der Schweiz mit der größten Dichte solch altehrwürdiger Kastanienbäume. Auch im Wallis, Vaudt und am Vierwaldstättersee zum Beispiel, hat sich in den vergangenen dreißig Jahren eine Menge zum Erhalt solcher Selven getan.
Der Brotbaum der Alpen: Geschichte der Esskastanie
In den Tälern der Südalpen war die Esskastanie vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert ein wichtiges Grundnahrungsmittel, heißt es vom bündnerischen Amt für Wald und Naturgefahren. Man nannte sie auch deshalb den „Brotbaum“, weil mit dem Mehl der Kastanien gebacken wurde. Zwar haben bereits die Römer diesen Baum dort etabliert, es ging zu der Zeit jedoch vor allem ums Holz, heißt es vom bündnerischen Amt für Wald und Naturgefahren weiter. Nach dem zweiten Weltkrieg verdrängten Mais und Kartoffeln die Esskastanie, die Selven als Form der traditionellen Landwirtschaft wurden aufgegeben und die Bäume selbst nicht mehr gepflegt, außerdem breitete sich eine Pilzkrankheit aus – die Tage dieser jahrhundertealten Kulturlandschaft schienen gezählt.

Pflege und Erhalt: Warum Kastanienselven Arbeit brauchen
Denn Kastanienselven sind kein „Urwald“ oder „Natur pur“, im Gegenteil: Sie sind ein vom Menschen geschaffener Ort, sie müssen unbedingt und dauerhaft gepflegt werden, sie müssen sorgsam bewirtschaftet werden, nur dann können sie sich entwickeln und erhalten. In den Selven stehen die jeweiligen Bäume weit auseinander, was diesen Hainen das romantische Gepräge einer alten, halbwilden Parklandschaft gibt.
Sie zu erhalten, ist viel Arbeit: Die Kronen der Kastanienbäume müssen immer wieder ausgeschnitten werden (die uralten Bäume sehen aus wie die Bonsai-Kunst von Riesen), eindringende Baumarten wie zum Beispiel Fichten oder Birken müssen konsequent entfernt werden (wertvolle Bäume wie Kirsche, Eiche oder Walnuss aber können wie zum Beispiel am Mont Grand darin belassen werden), zwischen den Kastanien befindet sich in der Regel eine offene Graslandschaft, die von Rindern oder Ziegen im Rahmen einer extensiven Landwirtschaft beweidet werden muss.
Artenvielfalt in Kastanienselven: Ökologischer Wert
Wenn die Kastanien verschwinden, bildet sich ein „normaler“ dichter Mischwald. Forschende, auch der WSL, haben festgestellt, dass die Artenvielfalt in einer gepflegten Selve höher ist, als in solchen, die aufgegeben wurden. Es geht hier um Vögel, Fledermäuse und Insekten. Es geht auch darum, gerade die ganz alten Kastanienbäume zu retten und zu erhalten. Und Arten, die fortzogen, können sich unter Umständen ihren alten Lebensraum wieder zurückerobern. Gerade weil sie vom Menschen geschaffen wurden und gepflegt werden, sind Kastanienselven ein besonderer und ökologisch wertvoller Lebensraum, nicht trotz dessen.
Seltene Arten kehren zurück
Deshalb haben Selven eine solche Bedeutung – zum Beispiel für anderswo ausgestorbene Urwald-Reliktarten, für den seltenen Vogel Wendehals, der beispielsweise in der Selve von Mont Grand bei Soazza wieder lebt, auch für – wie die Stiftung weiter berichtet – die Smaragdeidechse, die in den (auch das ist notwendig und wird erhalten) Trockenmauern der Terrassen am Mont Grand haust, oder für den Kleinen Abendsegler, eine Fledermaus, von denen die Weibchen aus dem Norden Europas herziehen, um den Winter dort zu verbringen.

Kastanien im Tessin: Von der Ernte bis zum Genuss
Es ist auch die Wiederentdeckung von Genuss: Alessio Reboldi von der Genossenschaft OriginTi – Nostrani del Ticino in Cadenazzo (originti.ch) berichtet davon, dass im Tessin pro Jahr zwischen zwanzig und dreißig Tonnen Esskastanien geerntet werden. Die Genossenschaft trocknet und verarbeitet ihre Ernte selbst, sie kümmere sich um Sortierung und den Verkauf. Es werde versucht, den Großteil der Kastanien frisch als Maroni zu verkaufen, berichtet Alessio Reboldi, Kastanien mit zu kleinem Kaliber werden getrocknet und verarbeitet. Ein Teil davon werde zu Kastanienmehl vermahlen. Die ganzen und die schöneren Kastanien werden verkauft, daraus dann beispielsweise Marron Glacés hergestellt.
Tessiner Spezialitäten aus Kastanien
Moreno Bignasca, Bäckerei und Konditorei Bignasca in Lugano / Tessin (bignasca.ch), berichtet, dass man eine tiefe Verbundenheit zu diesem Produkt fühle, schließlich handle es sich dabei um das Zeugnis einer langen und verwurzelten Tradition im Tessin. Als handwerklicher Familienbetrieb wolle man diese bewahren und fördern. „Kastanien werden zur Herstellung einer Vielzahl traditioneller Desserts verwendet, von denen wir verschiedene Spezialitäten anbieten“, berichtet Moreno Bignasca, „unser repräsentativstes Produkt ist der ‚Stella alle Castagne‘, ein Panettone, verfeinert mit Marron Glacés.“
Also ein Kuchen mit kandierten Kastanien. Aber es gibt hier auch zum Beispiel Kastanientorte, Gebäck wie Guetzli oder Vermicelles. Die Verwendung von Kastanien(mehl) sei eine Tradition, „…die niemals verschwunden ist. In den letzten Jahren ist die Nachfrage gestiegen und wir haben daher unser Sortiment erweitert“, meint Moreno Bignasca, „besonders in den letzten Jahren haben Kastanienprodukte ihre Saisonalität überschritten – viele davon werden inzwischen über das ganze Jahr verkauft.“
Praktische Informationen: Kastanienselven im Tessin besuchen
Wichtige Kastanienselven in der Schweiz
Curzutt bei Bellinzona (Tessin)
- Historische Siedlung mit Restaurant und Herberge
- Gut gepflegte Kastanienselven oberhalb von Monte Carasso
- Wanderwege durch alte Edelkastanienwälder
- curzutt.ch
Mont Grand bei Soazza (Graubünden)
- 800 Jahre alte Edelkastanien (älteste der Schweiz)
- Höchste Dichte monumentaler Kastanienbäume
- Heimat seltener Arten (Wendehals, Smaragdeidechse, Kleiner Abendsegler)
- Stiftung Fondazione Paessagio Mont Grand: fondazionemontgrand.ch
Beste Reisezeit für Kastanienselven
Frühling (April-Mai): Blüte der Kastanien, frisches Grün
Sommer (Juni-August): Dichtes Blätterdach, angenehme Temperaturen
Herbst (September-Oktober): Erntezeit, orange-rotes Laub, Kastanienfeste
Winter (November-März): Ruhige Winterwanderungen, besondere Lichtstimmung
Anreise ins Tessin
Mit dem Zug: Bellinzona liegt an der Gotthard-Linie, direkte Verbindungen aus Zürich, Basel und Luzern
Mit dem Auto: Gotthard-Tunnel (A2) oder San-Bernardino-Pass
Kastanienprodukte kaufen
OriginTi – Nostrani del Ticino
Genossenschaft für Tessiner Kastanienprodukte
originti.ch
Bäckerei und Konditorei Bignasca, Lugano
Spezialitäten: Stella alle Castagne, Kastanientorte, Vermicelles
bignasca.ch
Weiterführende Informationen
Reiseland Schweiz:
myswitzerland.com
Urlaubsregion Tessin:
ticino.ch
Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL):
Forschung zu Kastanienselven und Artenvielfalt
Diese Reise wurde seinerzeit unterstützt von Schweiz Tourismus
Alle Angaben ohne Gewähr. Dieser Bericht stellt keine Wertung untereinander und/oder gegenüber anderen Unternehmen, Personen, Waren oder Dienstleistungen o.Ä. dar und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
