Das Westfälische Galmeiveilchen – Die seltenste Pflanze der Welt wächst in Deutschland

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Das Westfälische Galmeiveilchen – Die seltenste Pflanze der Welt wächst in Deutschland

Eine Entdeckungsreise zu Viola guestphalica in den Bleikuhlen bei Blankenrode

Von Oliver Abraham

Lichtenau, Kreis Paderborn (NRW). Auf dem Weg zu einer der mutmaßlich seltensten Pflanze der Welt – und sie wächst mitten in Deutschland. Ihre Geschichte ist mehr als kurios, denn sie wächst auf völlig vergiftetem Boden.

Das Westfälische Galmeiveilchen ist eine faszinierende Pflanze, die nur an sehr wenigen Orten vorkommt.

Westfälisches Galmeiveilchen Viola guestphalica in den Bleikuhlen
Westfälisches Galmeiveilchen Viola guestphalica in den Bleikuhlen. Foto: Oliver Abraham

Schritte schlagen in den Staub und der Blick fällt auf die rohen Flanken eines Einschnitts im Gelände. Hier oben wächst bald nicht mehr viel, und unten in der 500 Meter langen Grube sieht es völlig öd aus und seltsam leer. Es ist ein deutlicher Übergang von den saftig grünen Wäldern und Wiesen in der Umgegend hin auf diese sonderbare Fläche. Kargheit und Krüppelwuchs, wie tot.

O doch! Hier wächst schon etwas, schaut man nur genau hin, hier wächst sogar etwas Einzigartiges: das Westfälische Galmeiveilchen, Viola guestphalica – und es wächst weltweit nur an dieser Stelle. Soweit es der Wissenschaft bekannt ist.

Das Naturschutzgebiet Bleikuhlen bei Paderborn

Dieses Naturschutzgebiet liegt gut zwanzig Kilometer südsüdöstlich von Paderborn (NRW) bei Blankenrode und heißt „Bleikuhlen“. Erze haben die Menschen hier achthundert Jahre lang eingesammelt und abgebaut. Auch deshalb ist der Boden mit Schwermetallen derart verseucht, dass die allermeisten Pflanzen hier kaum existieren können.

Westfälisches Galmeiveilchen Viola guestphalica in den Bleikuhlen
Das Naturschutzgebiet Bleikuhlen bei Paderborn. Foto: Oliver Abraham

Das Galmeiveilchen gedeiht hier nicht trotz der Kontamination, sondern weil. Fast alles andere geht kaputt oder wächst nicht richtig, nur das zarte Veilchen geht nicht ein. Schwermetall reicht dieser hübschen Blume sogar zum Vorteil. Ihr Blau strahlt in den Sommerhimmel als wäre nichts. Zarte Schönheit im Kontrast zur rohen Ödnis.

Das Westfälisches Galmeiveilchen: Ein bedrohter Schatz

Das Westfälische Galmeiveilchen dürfte zu den seltensten Pflanzen der Welt gehören. Nicht, dass dieses Veilchen diese exorbitant erhöhte Konzentration an Blei und Zink im Boden zum Leben braucht, diese Blume kann es aber vertragen. Viola guestphalica wächst hier, weil fast alle anderen Pflanzen dies nicht können oder nur mickrig, so hat es kaum Konkurrenz, aber einen Standortvorteil.

„Über Jahrtausende hat sich diese Widerstandskraft so weit entwickelt, dass die meisten Arten der Galmei-Flora, es gibt verschiedene, sich so an diese Böden angepasst haben, dass sie nur auf diesen wachsen können“, erklärt der Biologe Christian Finke von der Biologischen Station Kreis Paderborn – Senne.

Einzigartiger Standort: Nur hier wächst Viola guestphalica

„Zwar“, so Finke weiter, „wachsen manche Vertreter wie zum Beispiel Galmei-Leimkraut oder Galmei-Frühlingsmiere auch außerhalb der Schwermetallrasen von Blankenrode, dieses Galmeiveilchen aber nur hier, nirgendwo anders auf der Welt kommt es in freier Wildbahn vor – soweit es mir bekannt ist.“

Schwermetalle waren hier schon im Boden, bevor der Mensch anfing nach Erz zu graben. Solche Pflanzen zeigten den Leuten damals überhaupt erst an, dass hier etwas zu holen ist.

Blütezeit und Besucherinformationen

„Wann, wie lange im Jahr und wie üppig das Galmeiveilchen jeweils blüht, ist von Jahr zu Jahr von der Witterung abhängig, in der Regel blüht es bis in den Herbst“, sagt Finke, „es ist nicht ‚gefährlich‘ hier unterwegs zu sein, die Schwermetalle sind fest im Boden gebunden und nicht als Staub in der Luft vorhanden.“

Westfälisches Galmeiveilchen Viola guestphalica in den Bleikuhlen
Wanderung in den Bleikuhlen. Foto: Oliver Abraham

Ein genehmigter Pfad führt über diesen sogenannten Schwermetallrasen, an dessen Rand die Bäume noch hoch stehen, dann aber kleiner und krüppeliger werden je weiter man auf diese Fläche schaut. In die Kuhle selbst dürfen nur die Leute aus Forschung und Umweltschutz. Für Besucher gilt ein Wegegebot, Viola guestphalica kann man am Wegesrand ausführlich betrachten, es zu pflücken oder auszugraben ist selbstverständlich untersagt.

Der Schwermetallrasen: Ein Lebensraum für Spezialisten

Die spärliche Vegetation ist Indikator für den Schwermetallgehalt im Boden. Zwar brauchen Pflanzen Zink als Spurenelement für den Stoffwechsel, aber diese extrem hohe Konzentration ist für viele Arten viel zu giftig, als dass sie überhaupt existieren beziehungsweise gut wachsen können.

„Deshalb hat sich hier ein sogenannter Schwermetallrasen entwickelt, also eine Gesellschaft von Spezialisten wie einer hoch angepassten Sippe des Schafschwingels, der einzigen Grasart, die auf der Halde wächst, Galmei-Täschelkraut und Galmei-Leimkraut – und dem Galmeiveilchen“, erklärt der Biologe.

900 Jahre Bergbaugeschichte in den Bleikuhlen

Das Wort „Galmei“ ist eine alte Bezeichnung für ein Zinkerz. „Vor mehr als 900 Jahren begannen die Leute hier blei- und zinkhaltige Erze abzubauen“, berichtet Finke, „zunächst sammelten sie diese wertvollen Brocken einfach am Boden auf, dort wo die erzhaltigen Adern an die Oberfläche traten. In unterschiedlichen Epochen wurden die Erze dann in offenen Gruben und teilweise auch in Stollen abgegraben, 1927 endete der Bergbau“.

Eine tektonische Verwerfung wie bei einem Erdbeben brach vor Urzeiten den Untergrund auf, mit heißem Tiefenwasser kamen metallhaltige Minerallösungen an die Oberfläche, so bildeten sich dort in den Rissen des Kalksteins Erze. Bäche und Regen wuschen diese aus und legten sie frei.

Warum Bäume hier nicht überleben können

Zwar wachsen im Naturschutzgebiet auch kleine Bäume, wie zum Beispiel die Fichte, und Büsche, aber wenn ihre Wurzeln während des weiteren Wachstums in tiefere Bodenschichten greifen, erreichen sie damit Bereiche mit einer höheren Schwermetallkonzentration und sterben in der Regel.

Westfälisches Galmeiveilchen Viola guestphalica in den Bleikuhlen
Unterwegs in den Bleikuhlen. Foto: Oliver Abraham

„Vorher sieht man den Fichten an der hellgrünen Farbe und den Mini-Trieben schon an, dass sie hier nicht alt werden wird“, sagt Christian Finke, „die inneren Bereiche des Naturschutzgebietes, die eigentliche ‚Bleikuhle‘, also die knapp fünfhundert Meter lange, elf bis dreizehn Meter tiefe Grube und ihre Hänge sowie die Abraumhalden sind fast vegetationslos, Gehölze wachsen dort überhaupt nicht, denn dort ist die Konzentration der giftigen Stoffe besonders hoch.“

Dort wachsen neben der Galmeiflora, nur noch Flechten, Moose und wenige andere Arten wie der Färberginster, die an diesen Standort ebenfalls angepasst sind.

Galmeiflora in Deutschland: Auch in Aachen und Stolberg

Eine Galmeiflora gibt es auch anderswo, wo Erzfelder offen zutage treten (und historischer Bergbau betrieben wurde) – zum Beispiel bei Stolberg oder Aachen, beides NRW, dort ist das Veilchen gelb und ebenfalls einzigartig.

Zurück nach Westfalen: „In den 1980er-Jahren hat der Botaniker Johannes Nauenburg das Erbgut des blauen Galmeiveilchens, also dem aus der ‚Bleikuhle‘, untersucht und mit anderen verglichen. Es kam heraus, dass es sich um eine eigene Art und nicht nur um eine Unterart handelt“, erklärt Finke.

Westfälisches Galmeiveilchen Viola guestphalica in den Bleikuhlen
Blühendes Galmeiveilchen auf vergiftetem Boden. Foto: Oliver Abraham

Botaniker und Naturschützer erreichten im Jahr 1969 eine Unterschutzstellung des Gebietes um die Bleikuhlen und konnten damit erreichen, dass die Autobahn A 44 um diesen wertvollen Standort herumgeplant wurde.

Artenschutz: Das Backup im Botanischen Garten Münster

Dass Viola guestphalica weltweit nur im NSG „Bleikuhlen“ bei Blankenrode wächst, stimmt strenggenommen nicht ganz: Pflanzen wie das Westfälische Galmeiveilchen sind sehr wertvoll für die Forschung – denn wer weiß heute, wozu dieses Erbgut morgen vielleicht nützlich sein wird. Damit der Bestand in freier Wildbahn nicht gefährdet wird, steht es unter strengem Naturschutz.

Damit Viola guestphalica nicht ausstirbt – das kann bei nur einem einzigen Standort weltweit schnell passieren; eine Gefahr durch Trockenheit, Krankheit, Kaninchenplage oder sonstigen denkbaren oder bis jetzt undenkbaren Kalamitäten besteht immer –, gibt es ein Backup: Im Botanischen Garten der Universität Münster wächst das Westfälische Galmeiveilchen in Obhut und unter Aufsicht von Gärtnern und Wissenschaftlern als sogenannte Verantwortungsart, wird dort im Gewächshaus auch reinerbig vermehrt und übrigens nicht mit Schwermetallen gedüngt.

Sollte es zu einem Zusammenbruch des Wildbestandes kommen, lässt sich die Population aus der Erhaltungskultur wieder aufbauen.

Weiterführende Informationen:

Alle Angaben ohne Gewähr. Dieser Bericht stellt keine Wertung untereinander und/oder gegenüber anderen Unternehmen, Personen, Waren oder Dienstleistungen o.Ä. dar und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

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